Normalität als Katastrophe oder Katastrophe als Normalität?

In einem katastrophenartigen Alltag suchen wir eine uns vertraute Normalität auf.

An der Stelle, wo wir diese Normalität nicht (wieder an-)finden können, die Gegenwart jedoch nicht aushalten, dort beginnen wir zu arbeiten.

Die Gruppe. Die Stadt. Die Welt.



Ein Stück Mittelschicht, wenn das Theater vorbei ist.



Speziell in den Zeiten der Finanzkrise, die die öffentliche Wahrnehmung beherrscht, greift vermehrt die oft irrationale Angst vor Absturz, Armut, Marginalisierung um sich. Gerade die saturierten westlichen Gesellschaften werden von der Ahnung befallen, dass der soziale Friede und der relativ allgemeine Wohlstand der Nachkriegszeit, einer virtuellen Blase gleich sein könnten, die am Platzen ist.

Die Mittelschicht, die - je nach Definition – immer noch sehr groß ist, verglichen mit anderen Gesellschaften, droht auseinander zu brechen, wie uns wirtschaftswissenschaftliche Studien auf der einen und subjektive Angstzustände auf der anderen Seite zeigen.

Das Stück: WIE ANGELT MAN SICH EINE ÖFFENTLICHKEIT wird sich mit dieser Krise auseinandersetzen, und zwar auf Basis des amerikanischen Films „How to Marry a Millionaire“ mit Marilyn Monroe und Lauren Bacall.

Eine Truppe von SchauspielerInnen auf der Premierenparty einer Vorstellung von WIE ANGELT MAN SICH EINEN MILLIONÄR. Man stößt mit Sekt auf die gelungene Vorstellung an, man erzählt sich, was in den einzelnen Szenen passiert ist. Man versucht, sich mit den Ikonen Monroe und Bacall in Beziehung zu setzen, man ist beglückt. Nach und nach wird aber immer fragwürdiger, ob die Vorstellung überhaupt so je stattgefunden hat, und wenn ja, ob dann überhaupt Publikum da war, oder ob die Schauspieltruppe nicht eine sich ständig um sich selbst drehende kleine Welt, ohne Kontakt nach außen, darstellt.



THEATER – ÖFFENTLICHKEIT – MITTELSCHICHT

Der (erwartete oder reale) Zerfall der Mittelschicht ist vergleichbar mit dem, was der Theoretiker Diederich Diederichsen so beschreibt:

Heute gibt es keine einheitliche, für alle relevante künstlerische Kommunikation mehr, nur noch Spezialisten, Eliten und Subkulturen.
und:
Seit einigen Jahrzehnten ist eigentlich ziemlich grundsätzlich unstrittig, dass es die sich selbst für universell haltende bürgerliche Kunstträger-Klasse nicht mehr gibt und geben kann.

Die Krise der Wohlstandsgesellschaft ist auch eine Krise ihrer Öffentlichkeit und ihrer Kommunikationsmittel. Das kulturelle Angebot wächst ständig, ohne dass ein bestimmter Ort - vergleichbar mit der ursprünglichen Idee des Theaters – für sich in Anspruch nehmen könnte, so etwas wie ein „Leitmedium“ zu sein, über das sich alle relevanten Kräfte der Gesellschaft austauschen und die öffentlichen Angelegenheiten besprechen. Die Krise der Mittelschicht ist also auch eine Krise des Theaters.



Vorgeschichte:

Thematisch ist WIE ANGELT MAN SICH EINE ÖFFENTLICHKEIT die Fortführung der lecture-performance „M – eine Stadt sucht ihre Mitte“, die übers Jahr 2008 im Forum Stadtpark erarbeitet wurde.

Die letzte lecture wurde zum Best-Off Festival vom Theaterland Steiermark eingeladen und dort mit dem Förderpreis der Jury prämiert.



Von und mit: Vera Hagemann, Barbara Kramer, Christina Lederhaas, Klaus Meßner, Mira Miljkovic, Johannes Schrettle

Ausstattung: Lena Gätjens
Zeitpunkt: Februar 09

Termine:
13. Februar 09 19. und 20. Februar,
beginn: 21.00 uhr beginn: jeweils 20.00
ort: nonstop kino, graz ort: hennes lokal, harmoniestr. 41, duisburg/ruhrort





why to dance in a waiting room I-III




Eine Bewegungsperformance über Alltag, Ausbruch und Warten an einem öffentlichen Platz.

Wie schön, turbulent und langweilig ist Alltag an einem öffentlichen Platz?

Welche Gefahren, Missgeschicke und Überraschungen lauern im Alltag? Wie gehen wir damit in der Öffentlichkeit um? Wo hört der Spass auf?

Wer bewegt hier wen wirklich?

why to dance in a waiting room I-III 2009 arbeitet mit der Vorstellung von öffentlichem Raum und den Bewegungen die im öffentlichem Raum stattfinden und stattfinden können.

Können wir nur im Theater mit der Phantasie handeln, die aus dem Alltagsgeschehen ausbricht?

„why to dance in a waiting room I-III“ zeigt die Bewegungen von drei Spielern in einem glücklichen gewohnten Alltag an einem öffentlichen Platz. Diese Bilder werden begleitet von einer live gesprochenen Stimme die über Lautsprecher zu hören ist. Diese Stimme beschreibt die Stadt und die Menschen die dort leben.

Von und mit: Mira Miljkovic, Barbara Kramer, Joachim Kapuy, Vera Hagemann, Johannes Schrettle, Christina Lederhaas

Zeitraum: März 09, Juni09 und November09




Laborarbeit:

Nachdem es im letzten Jahr gelungen ist, die künstlerische Arbeit auf eine kontinuierliche, professionelle Basis zu stellen, soll und muss dieser Prozess im Sinne einer Öffnung in Richtung KoproduktionspartnerInnen, Kontakte zu anderen Kunstformen etc. weitergeführt werden.

Der Förderpreis des Best-Off Festivals für M- eine Stadt sucht ihre Mitte, der Hauptpreis der Jungwild-Kinder und Jugendtheater-Aussschreibung für „das Kind mit dem Aktenkoffer“ sowie Einladungen zum Kölner „theaterszene Europa“- Festival und ins Schauspielhaus Graz für „Tod und Tourist“ zeigen, dass der Weg, bedingungslos auf selbst entwickelte Stoffe zu setzen, der richtige ist.

Dieser Weg bedeutet aber auch, dass wir uns in einem ständigen kreativen und diskursiven Prozess befinden müssen, dass auch außerhalb der konkreten Projekte viel Arbeit anfällt, was Stoffentwicklung, Netzwerkarbeit, Kommunikation etc. betrifft.

Im Gegensatz etwa zu Stadttheatern oder renommierten Festivals hat die zweite liga nicht die Möglichkeiten, und auch nicht das Ziel, ganze „Stück- oder Projektaufträge“ zu vergeben. Um aber die kontinuierliche künstlerische Arbeit zumindest in Ansätzen auf eine professionalle Basis zu heben, hat sich die zweite liga dazu entschlossen, einen Teil der Jahrestätigkeit explizit der FORSCHUNGSABTEILUNG zu widmen.

In diesem Rahmen sollen einerseits bestehende und neue Netzwerke verbessert und geschaffen werden, andererseits Stücke entwickelt werden, die im „Rohzustand“ zur Aufführung gebracht werden können:

ich geh kaputt – du gehst mit oder: slowfox mit mary

Ängste überwinden im Rahmen eines Spiels.
Zwei Spieler und ein unfairer Schiedsrichter.



„Eine totale Herrschaft der Vernunft, des Systems, der Struktur gibt es nicht. Die Hand, die den Markt regiert, ist bekanntlich unsichtbar, d. h. operiert im dunklen, im Paradox. Das Ganze des Kapitalismus erscheint im Medium einer vernünftigen Sprache. Um auf dem Markt zu reüssieren, braucht man bekanntlich keine Kalkulationen, kalte logische Konstruktionen und rationale Überlegungen, sondern Intuition, Obsessivität, Aggressivität, Killerinstinkt. Der Diskurs, der nach dem dunklen Anderen der Vernunft sucht, ist somit in Bezug auf den Kapitalismus keineswegs oppositionell.“ (aus Boris Groys: das kommunistische Postskriptum)

Spieler: Christina Lederhaas, Johannes Schrettle
Schiedsrichter/Bühneninstallation: Karoline Rudolf

„1001 mögliche krisen – what is left of a superstar“

Ein performativer Diskurs über den Begriff „Superstar“ im heutigen Alltag.



Wir behaupten einen Alltag, in dem mögliche Krisen omnipräsent sind. Diese werden durch staatliche und private Präventionsmaßnahmen (wie etwa Videoüberwachung, Internetüberwachung, verschärftes Vorgehen gegen ‚marginale’ Gruppen) aufrechterhalten und legitimiert. Kontrollstrategien greifen bereits beim kleinsten Verdachtsmoment. Jeder wird untersucht. Dieser permanente Ausnahmezustand führt nicht zu mehr Sicherheit sondern zu einer gesteigerten Wahrnehmung von Angst. Die Grenzen zwischen Außenpolitik und Innenpolitik verschwimmen. Mögliche Krisen unterwandern nicht nur die Weltbevölkerung, auch die eigene Gesellschaft und die Privatsphäre. In der Zeitung, beim Café, in den Augen der ArbeitskollegInnen oder sogar des/der eigenen Partners/-in. Der/Die Einzelne kann nicht mehr unterscheiden, welche von den möglichen Krisen real ist. Die Performance sucht Antworten auf diese gesellschaftlichen Prozesse im Rahmen einer personifizierten Ikone, eines „neuen Superstars“, der in diesen Krisen zum Handeln auffordert.

Von und mit: Christina Lederhaas, Joachim Kapuy